Digitaler Wandel.

Am 1. Juni 2017 von Peter Hurrelmann

 
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Der Digitale Wandel.

Wir befinden uns mal wieder in einem gewaltigen technologischem Wandel, der nur mit der Erfindung des Buchdrucks oder der Industrialisierung vor knapp zweihundert Jahren vergleichbar ist. In wenigen Jahren wird die Digitalisierung alle unsere Lebensbereiche durchdrungen haben. Sie wird, der technologischen Evolution folgend, unsere Welt massiv verändern und unser Leben wird nicht mehr so sein, wie es heute ist. Auch unser kleines Bad Honnef kann sich der Entwicklung nicht entziehen und wenn es uns nicht gelingt diesen Prozess gemeinsam gemeinsam aktiv mitzugestalten, werden wir das Nachsehen haben.

 

„Fortschritt macht die Menschen arbeitslos“.

 

Warnungen wie diese finden sich in vielen Epochen. Sie lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Neue Technologien stellen in der Regel erstmal Arbeitsplätze in Frage, benötigen aber gleichzeitig neue. Als die ersten Eisenbahnzüge fuhren, verloren Kutscher und Pferdezüchter ihre Jobs, gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Lokomotivführern, Schaffnern und Ingenieuren.

 

Anzeichen gibt es schon lange.

 

Man spricht schon länger vom bedingungslosen Grundeinkommen und Industrie 4.0 , Smart Home, Smart Living und Smart Mobilty. Und nahezu jeder besitzt mit seinem Smartphone ein Gerät, mit dem er unbewusst aktiv den Digitalisierungsprozess weiter beschleunigt. Eine Entwicklung, die natürlich auch den stationären Handel in den Innenstädten betrifft, der auch durch den digitalen Onlinehandel verdrängt wird. Und tatsächlich ist die Verödung der Innenstädte kein Hirngespinst unzufriedener Händler. Der langsame Zerfall gewachsener Einzelhandelsstrukturen ist in vielen Orten deutlich spürbar. Ein nahes Beispiel ist Königswinter. Nach Angaben des Instituts für Handelsforschung in Köln ist allein in Deutschland der Umsatz im Onlinehandel von rund 15 Milliarden Euro im Jahr 2013 auf fast 43 Milliarden Euro 2015 gestiegen. 2020 soll er bei über 100 Milliarden liegen. Bis dahin droht jedem zehnten deutschen Ladengeschäft die Schließung. Die Ursache scheint klar: Der Handel der Zukunft braucht durch die Digitalisierung weder Raum noch Zeit. Aus der IFH-Studie resultiert aber auch überraschendes: Der Wettbewerb findet häufig nicht in erster Linie zwischen den angestammten Geschäften und Amazon und Co. statt, sondern zwischen Standorten. Viele Kommunen haben heute mehr Umsatz an die Nachbarkommunen als an den Onlinehandel verloren.

 

Ein wichtiges Element: Der Erlebnisfaktor.

 

Früher reichte es, wenn ein Stadtzentrum gut erreichbar, sauber, sicher, attraktiv und herzlich war und man nahe an der Fussgängerzone problemlos parken konnte. Heute gewinnt, wer den größten Erlebnisfaktor bietet. Innenstädte brauchen Erlebnisfaktoren, ähnlich Vergnügungsparks. Die wenigsten kommen heute noch in die Stadt, nur um einzukaufen. Wenn ich etwas schnell und günstig brauche, bekomme ich es online. Stadtzentren der Metropolen werden immer attraktiver – und mittelgroße und kleine Innenstädte drohen ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit zu verlieren, weil das Geld fehlt.

 

Es gibt noch Hoffnung.

 

Wenn alle Akteure – Politik, Händler, Immobilienbesitzer, Städteplaner und Stadtmarketing – an einer gemeinsamen Vision für einen attraktiven Standort arbeiten, kann diese Herausforderung bezwungen werden. Regionalität ist durchaus Trend. Das haben auch große Marken wie zum Beispiel Adidas erkannt, die ihre Flagship-Stores in jeder Stadt anders gestalten und mit dem nötigen Lokalkolorit versehen.

 

Ladenkonzepte müssten sich anpassen.

 

Es geht in den heutigen Läden darum, ein multisensorisches Erlebnis zu bieten. Die Kunden wollen wieder sehen, riechen, spüren, anfassen, fühlen. Sie wollen Schönheit, Unterhaltung, Empfehlung und Menschlichkeit. Dadurch werde eine Marke aufgebaut, mit der sich Kunden identifizieren könnten. Aber die Kunden merken auch, wenn einer nicht verkaufen, sondern nur Geld verdienen will. Solche Läden werden nicht überleben.

 

Der Handel muss digital werden.

 

Auch Einzelhändler, die sich nicht an die Digitalisierung anpassen, gehen unter. Früher dachte man, dass sich der stationäre Handel vor der Digitalisierung schützen müsse. In Wirklichkeit kann sich die stationäre Welt nur mithilfe digitaler Services schützen. Die Konsumenten wünschen sich das Beste aus beiden Welten, wünschen sich sowohl Kundennähe und authentische Ansprache als auch eine umfangreiche Auswahl und ständige Verfügbarkeit. Städte müssen deshalb auf hohe Dienstleistungsorientierung setzen – auch digital. Oder stadtweite digitale Kundenkarten, die Datenbanken nach dem Amazon-Prinzip „Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, kauften auch … “ aufbauen. Mit solchen Plattformen können auch kleine Händler an neue Technologien und neue Wege der Kundenansprache herangeführt werden. Fast noch wichtiger: Hier bekommen Händler ein Gesicht und erzählen ihre Geschichte. So kann eine Stadt ein Heimatgefühl entwickeln, das die Einwohner bindet und Einkaufstouristen anlockt.

 

Bad Honnef muss sich als Marke positionieren.

 

Ein gutes Beispiel für eine Markeninitiierung ist Kopenhagen, das früher als überteuert und unterkühlt wahrgenommen wurde. Die Stadt stellt sich heute als international, kreativ, freundlich und grün dar. In einem Politikwechsel setzte die Stadt vor einigen Jahren bei allen Planungen Ökologie und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt, gleichzeitig entwickelte sie eine vielfältige Restaurant- und Klubszene. 

 

Es geht nur gemeinsam.

 

Wie überall im Leben brauchen alle großen Projekte zwangsläufig zwei Dinge. Erstens eine Vision und zweitens jemanden mit hoher Integrationskraft, der die Umsetzung dieser Vision vorantreibt. Gemeinsame Stadtpolitik muss diese Vision schaffen: Wie will Bad Honnef in Zukunft sein und wen wollen wir anlocken? Wollen wir traditionell sein, kreativ oder zukunftsweisend? Welchen USP wollen und können wir unseren Besuchern bieten? Danach muss sich die Politik überlegen, welche Marken und Aktivitäten wir dafür brauchen und wie wir sie in die Stadt holen können. Immobilienbesitzer sollten nicht nur dem höchsten Mietpreis hinterherjagen, sondern ihre Flächen günstiger, dafür nachhaltiger füllen. Händler sollten nicht nur in die eigene Marke investieren, sondern auch in die unmittelbare Umgebung ihrer Läden. Und die Großen sollten die Kleinen unterstützen, weil gerade diese erst die dringend benötigte Vielfalt und den Charme in eine Stadt bringen.

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